Dorsten-Aktuell


24.10.2016
 

Ruhrwirtschaft weiter auf Wachstumskurs

 Die Ruhrwirtschaft präsentiert sich im Herbst in guter Verfassung. „Das moderate Wachstum hält an“, heißt es im 97. Ruhrlagebericht, den die Industrie- und Handelskammern des Ruhrgebietes am 19. Oktober in Gelsenkirchen vorstellten. Die gute Kauflaune der Verbraucher und volle Auftragsbücher im Baugewerbe sorgen für „ein freundliches konjunkturelles Umfeld Doch es gibt auch Risiken.

Ein Risikofaktor rückt allerdings für immer mehr Betriebe auch im Ruhrgebiet ins Blickfeld: der Mangel an Fachkräften. Vier von zehn Unternehmen (39 Prozent) sehen dadurch ihren Geschäftserfolg gefährdet. Vor einem Jahr waren es erst 28 Prozent.
960 Unternehmen aus allen Branchen mit 138.000 Beschäftigten hatten die fünf Ruhr-IHKs Dortmund, Duisburg, Essen, Mittleres Ruhrgebiet und Nord Westfalen (Emscher-Lippe-Region) für den Ruhrlagebericht einem Stimmungstest unterzogen. Wie zu Jahresbeginn bewerten neun von zehn Unternehmen ihre Geschäftslage mit gut (35 Prozent) oder befriedigend (55 Prozent). Die Gut-Urteile gingen allerdings leicht zurück. „Die Gesamtverfassung der Ruhrwirtschaft bleibt dennoch gut“, resümierte Lars Baumgürtel, Unternehmer aus Gelsenkirchen und Vizepräsident der federführenden IHK Nord Westfalen. Erfreulich ist aus seiner Sicht auch das Umfrageergebnis bei den Erwartungen. Jedes fünfte* Unternehmen rechnet mit besseren Geschäften in den nächsten Monaten, nur jedes achte mit schlechteren. Der Konjunkturklimaindikator, der Lageeinschätzung und Erwartungen der Unternehmen in einem Wert zusammenfasst, bleibt mit 117 (-1 gegenüber Jahresbeginn) auf einem hohen Stand.

Die vorsichtige Zuversicht wirkt auch auf die Investitionsplanungen. 26 Prozent der Unternehmen haben laut IHK-Umfrage vor, mehr für Anlagen und Ausrüstungen auszugeben. Die Neigung zu investieren nimmt erkennbar zu. Von einem Durchbruch mochte Baumgürtel allerdings noch nicht sprechen.
Pure Zuversicht vermittelt der Ruhrlagebericht ohnehin nicht. Die Brexit-Entscheidung in Großbritannien und der Putschversuch in der Türkei haben die Sorgen um das Auslandsgeschäft vergrößert. „Die Situation in China bleibt schwierig, Russland leidet unter niedrigen Rohstoffpreisen und Sanktionen, Brasilien und Argentinien stecken in einer hartnäckigen Rezession“, zählte Baumgürtel auf. Das könne durch das Anziehen des Außenhandels mit den USA und dem Iran sowie die Erholung in der Eurozone nicht vollständig aufgefangen werden. Baumgürtel: „31 Prozent der Industriebetriebe im Ruhrgebiet sehen mittlerweile in der Auslandsnachfrage ein akutes Konjunkturrisiko.“
Branchenübergreifend fürchtet die Ruhrwirtschaft allerdings noch mehr, dass die Inlandsnachfrage nachlässt. „Viele Unternehmen sind sich sehr bewusst, dass ihre Geschäftsentwicklung recht einseitig von der Konsum- und Baubranche abhängt“, berichtete Baumgürtel.
Den Fokus legte der Unternehmer aber auf ein anderes Geschäftsrisiko. „Der ungedeckte Bedarf an Fachkräften ist auch für die Ruhrwirtschaft ein Handicap“, stellte Baumgürtel angesichts der neuen Zahlen fest. 2011 sahen erst 24 Prozent im Fachkräftemangel eine Erfolgsbremse. Aktuell sind es 39 Prozent. Die wachsenden Probleme bei der Fachkräftesicherung bei einer vergleichsweisen hohen Arbeitslosigkeit zeigen dem Unternehmer, „dass wir auf dem Arbeitsmarkt im Ruhrgebiet zu wenig Bewerber haben, die die nachgefragten Qualifikationen mitbringen“. Insbesondere die Nachfrage nach Fachkräften mit einer klassischen betrieblichen Ausbildung sei gestiegen. Sie seien die „heimlichen Gewinner des Beschäftigungsbooms. Wir hoffen, dass sich das bei Eltern und Schulen noch mehr herumspricht“.

Die Umfrageergebnisse machen deutlich, dass bei den Unternehmen die Bereitschaft wächst, neue Wege bei der Fachkräftesicherung zu gehen. 43 Prozent wollen die Arbeitgeberattraktivität (43 Prozent) steigern, 25 Prozent auch ältere Menschen einstellen und 19 Prozent die Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbessern. „Bemerkenswert“ findet Baumgürtel, dass die Betriebe inzwischen „deutlich internationaler denken“. 18 Prozent der Unternehmen wollen Fachkräfte aus dem Ausland einstellen. Immerhin jedes zehnte plant, Flüchtlinge zu beschäftigen. Die Zahlen zur aktuellen Beschäftigung von Flüchtlingen, zeigen für Baumgürtel deutlich, dass das mehr als eine unverbindliche Absichtserklärung ist. Laut Umfrage beschäftigten bereits heute acht Prozent der Unternehmen Flüchtlinge als Praktikanten, Einstiegsqualifikanten, Auszubildende oder Angestellte.
Kompletter Ruhrlagebericht im Internet: www.ihks-im-ruhrgebiet.de

Bild: Präsentieren den 97. Ruhrlagebericht: (v. l.) Stefan Postert, Geschäftsbereichsleiter der IHK Mittleres Ruhrgebiet (Bochum), Lars Baumgürtel, Vorsitzender des IHK-Regionalausschusses der Stadt Gelsenkirchen, Karl-Friedrich Schulte-Uebbing, Hauptgeschäftsführer der IHK Nord Westfalen, und Dr. Gerald Püchel, Hauptgeschäftsführer der IHK zu Essen.

Quelle: Pressemitteilung IHK