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Kindheit nach 1945

 

Für Zwi Wasserstein waren die Erwachsenen einfach nur anstrengend. Die Befangenheit und überzogene Freundlichkeit der Eltern seiner Mitschüler missfiel ihm: "Deren Väter, Onkel oder Großväter hatten im Krieg angeblich am laufenden Band Juden gerettet." Auch das Aneinanderklammern der jüdischen Familien, die nach 1945 nicht einfach die Angst vor den Mördern abschütteln konnten, störte ihn. "Dieses Ghetto im Kopf war mir zu eng", resümiert der inzwischen 52-Jährige über das Erwachsenwerden als Jude im Nachkriegsdeutschland.
Wie Wasserstein erging es vielen Kindern jüdischer Überlebender, Flüchtlinge oder Migranten. Denn nach dem Holocaust im "Land der Täter" aufzuwachsen, daran war und ist nichts selbstverständlich. Bis heute. Das zeigt die Ausstellung über Kindheit und Jugend im deutschsprachigen Europa nach 1945, die am Sonntag im Jüdischen Museum Westfalen in Dorsten eröffnet wird und bis 4. Mai zu sehen ist. Unter dem leicht irreführenden, ironischen Titel "So einfach war das" erzählen 43 prominente und weniger prominente Juden ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen. Momentaufnahmen und Anekdoten von 1947 bis in die frühen 90er Jahre - allesamt alles andere als larmoyant oder gar anklagend, eher abgeklärt bis amüsiert.

In allen Räumen des Museums gibt es sogenannte Hörstationen, an denen der Besucher den Erzählern in Bild und Ton begegnen kann. Auf den kleinen, von innen beleuchteten Würfeln befinden sich die Anfänge der Geschichten sowie Fotos der Autoren. Über Kopfhörer sind die Zeitzeugen selbst zu hören.

Vier Jahre alt ist Salomon Korn auf dem Bild. Der heutige Vize-Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland trägt darauf nichts als eine karierte kurze Hose und hockt mit seinem Cousin auf dem Bürgersteig in einem "Displaced-People"-Lager. "Die Stiche an meinen Beinen sind von den Bettwanzen", erzählt Korn. Es habe zur täglichen Morgenzeremonie gehört, das Ungeziefer haufenweise aus den Matratzen zu pulen und in Wassereimern zu ertränken. "War es kindlicher Sadismus?", fragt Korn und gesteht, dass es ihm Genugtuung bereitete, die nächtlichen Blutsauger auf der Wasseroberfläche zappeln und dann untergehen zu sehen.

Ekaterina Kaufmann kam erst Anfang der 1990er Jahre nach Deutschland, als sie mit ihren Eltern vor dem wiedererstarkenden Antisemitismus in der Sowjetunion floh. "Judenbrut hat man uns gerufen", berichtet die junge Frau mit nüchterner Stimme. Als Teenager habe sie sich wenig aus ihrer jüdischen Herkunft gemacht. Doch das Erlebte weckte in ihr das Bedürfnis, ihren religiösen Wurzeln nachzuspüren, sich damit zu identifizieren.

Gerade dagegen wehren sich andere Erzähler - gegen ihre Eltern, die ihnen das jüdische Erbe aufdrücken, damit die Tradition nicht verloren geht. Die Nachgeborenen können mitunter gar nichts mehr damit anfangen. "Ich schwänzte den Bar-Mizwa-Unterricht, aß unkoscher und verbannte alles aus meinem Leben, was mir erzwungen jüdisch vorkam", erzählt die 31-jährige Naomi Bodemann-Ostow. Auch Ellen Presser tat sich schwer mit den Erwartungen, die ihre Eltern in das erste Kind hatten, das nach der Schoah geboren wurde. Den Gewissenskonflikt, dem sie sich stellte, drückt sie so aus: "Hatten unsere Eltern überlebt, damit wir ihre Hoffnungen enttäuschten?"

Hinweis: Die Ausstellung ist dienstags bis freitags von 10.00 bis 12.30 Uhr und von 15.00 bis 18.00 geöffnet, an Wochenenden und Feiertagen von 14.00 bis 17.00 Uhr. Zu ihr ist das Begleitbuch "So einfach war das" erschienen. Es kostet 5,00 Euro.